Freundeskreis - Rundbrief 2011
Bilder von damals und heute – Sie markieren eine Wegstrecke und die Richtung
Einige Bilder von Ende der 90er Jahre und von Anfang des ersten Jahrzehnts haben sich besonders tief eingeprägt:
Die Eisenkette, an der Psychiatriepatienten ausrasten konnten, ohne das Personal zu stören. Die Kloschüssel als Mittelpunkt des Wohnraums voller Männer. Einer streckt seine Hand durch die Gitterstäbe. Mittendrin eine Mutter, die ihren am Bettrost festgebundenen Sohn streichelt. Das Gelände um das Krankenhaus herum: tot. Hoffnungslos.
Das Klassenzimmer der Schule, die seit Wochen kein Wasser mehr hat. Kaum Bücher für den Unterricht, aber ein Skelett für die Kinder als Anschauungsmaterial im Biologieunterricht. Das Bahnhofsgebäude, als solches nicht mehr genutzt, sondern als Heim für Alte, für Kranke und für Menschen mit Behinderung jeglicher Art. Bett an Bett, eine gnadenlose Enge. Integration und
Inklusion der besonderen Art. Lediglich die vorbeifahrenden Züge strukturieren den Tag und die Nacht der Menschen.
Eine Versammlung von ungefähr zwanzig orthodoxen Priestern, die von ihrem Metropoliten belehrt werden müssen: Die kirchlichen Stiftungen aus Deutschland missionieren nicht, wollen nicht zum Katholizismus bekehren, nehmen aber mit ihrem karitativen Wirken auch orthodoxe Priester in eine eigentlich selbstverständliche Pflicht.
10/12 Jahre später:
Die Realität in Bulgarien zeichnet solche und ähnliche Bilder auch heute noch. Aber es schieben sich andere dazwischen, die hoffen lassen und Mut machen:
Der junge Priester, der mit Geld vom Freundeskreis monatlich Lebensmitteltüten an die Armen seiner Gemeinde verteilt und sich um eine alte, in Bulgarien vereinsamte Frau aus Deutschland kümmert. Die dunklen, strahlenden Augen des Zigeunermädchens, das nach der Schule im Kinderzentrum von Kitschevo seine Hausaufgaben macht und den Gast bei der Hand nimmt, als wolle es sagen: Danke, dass du - auch für mich - da bist. Die Frauen in hohem Alter, die - vom Sozialwerk straff organisiert - mit einem Glas in der Hand mittags geduldig um einen Schöpflöffel Suppe anstehen, dreimal in der Woche um Suppe mit Fleisch und zweimal um Gemüsesuppe. Das freundliche Gespräch mit dem Beamten und seine Anfrage, ob sich das Sozialwerk am Programm des Ministeriums beteiligen wird, die Altenheime aufzulösen und Wohngemeinschaften für alte Menschen wohnortnah einzurichten.
Wandel und Kontinuität im Freundeskreis – Die Mitgliederversammlung hat gewählt
Satzungsgemäß waren 2011 im Freundeskreis der Vorstand und die Kassenprüfer zu wählen. Die Mitglieder sind ihrer Pflicht nachgekommen und haben jeweils einstimmig so entschieden:
Der Vorsitz wurde Ulrich Kuhn übertragen, der hauptberuflich das Ressort Sozialpolitik in der Stiftung Liebenau leitet; Jakob Bichler, sein Vorgänger, wollte den Stab an einen Jüngeren weiterreichen.
Ebenso wie Martin Uetz; ihm folgt als Schatzmeister der Industriekaufmann und Betriebswirt Josef Fleig nach, der in der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn für die zentrale Beschaffung zuständig ist.
Auf Sibylle Steinkohl-Gloning, die kürzlich mit dem Vorsitz der Theatergemeinde München e.V. eine zeitaufwändige Aufgabe übernommen hat, folgt Dr. Annemarie Hofmeister-Höfner, mit ihrem Ehemann Ärztin in einer Münchner Gemeinschaftspraxis für Allgemeinmedizin/Naturheilverfahren/Tropenmedizin.
Drei weitere Vorstandsmitglieder wurden bestätigt, sie wahren die Kontinuität im Gremium:
- Christiane Bopp, Referentin beim Dt. Caritasverband in Freiburg;
- Martin Engelbrecht, Dipl.-Kfm. im LBU Systemhaus in Wangen und Berater für soziale Einrichtungen; und
- Norbert Rapp von der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn, der als Vertreter des Sozialwerks lt. Satzung des Freundeskreises geborenes Mitglied im Vorstand ist.
Zwei in finanziellen Angelegenheiten versierte Ordensschwestern lösen Ulrich Kuhn und Paul-Theo Thonnet als Kassenprüfer ab:
- Die Generalvikarin Sr. Agnes Löber und die Generalökonomin Sr. Christiane Keil, beide vom Kloster Heiligenbronn.
Die Versammlung hat gegenüber den bisherigen Funktionsträgern mit herzlichen Worten und einem Geschenkkorb ihren Dank zum Ausdruck gebracht und den Neugewählten für ihre ehrenamtliche Arbeit Freude und Erfolg gewünscht.
Sozialarbeit und Sozialpolitik – NGOs haben in Bulgarien einen Verband gegründet
Wie das Sozialwerk St. Andreas leisten auch andere deutsch-bulgarische und österreichisch-bulgarische Vereine und Stiftungen in Bulgarien seit Jahren eine erfolgreiche Arbeit in den Bereichen Soziales, Bildung und Gesundheit. Dazu gehört u.a. die Stiftung Agapedia Bulgaria. Die Verantwortlichen in Liebenau und Heiligenbronn (für das Sozialwerk) bzw. in Stuttgart (für Agapedia = Jürgen Klinsmann Stiftung) haben seit einem Jahr für die Idee eines Verbands in Bulgarien geworbenund am letzten Oktobertag zusammen mit acht weiteren Nicht-Regierungs-Organisationen einen solchen in Sofia gegründet.
Die Konrad Adenauer Stiftung war dabei Mitveranstalterin, wie schon für zwei vorbereitende Treffen, die Dt. Botschaft jeweils freundliche Gastgeberin.
Das Verbandsziel ist ein Zweifaches: Als Verband, der verbindet, soll erstens unter den NGOs einNetzwerk geknüpft werden, das dem fachlichen Austausch dient. Das andere Anliegen hat die Stoßrichtung nach außen; weil der einzelne Träger einer Einrichtung oder eines Dienstes politisch nur wenig bewirken kann, sollen gemeinsame Positionen erarbeitet und in die Öffentlichkeit hinein- und an die Sozialpolitiker herangetragen werden.
Bei der Gründungsversammlung haben die Mitglieder auch ihren ersten Vorstand gewählt: Martin Ivanov von der Internationalen Elias Canetti Gesellschaft in Ruse als Vorsitzenden; Norbert Rapp von der Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn und Reneta Veneva vom Verein NAVA in Plovdiv. Die Geschäftsführung (mit halber Stelle) wurde Ivan Ivanov von der Stiftung Agapedia Bulgaria in Sofia übertragen.
Liebe Leserin, lieber Leser,
anders als in den vergangenen Jahren soll der Adressat des künftigen Rundbriefs nicht mehr nur der Freundeskreis in Deutschland, sondern ein viel größerer Verteiler sein.
Er wird natürlich die Mitglieder und Förderer des Freundeskreises und des Sozialwerks weiterhin erreichen, soll nun aber auch Personen, Institutionen und Behörden einbeziehen, die zum Sozialwerk St. Andreasin vielfältiger und ganz unterschiedlicher Weise in Kontakt stehen. Er soll wie in Deutschland so auch in Bulgarien gelesen und deshalb zweisprachig werden.
Vor allem soll die Berichterstattung direkt vom Ort des Geschehens aus erfolgen: vom Kinderzentrum in Kitschevo; von der Sozialstation, die in Varna und in umliegenden Dörfern tätig ist; vom Projektbereich, der sich teilweise weit darüber hinaus erstreckt; auch vom Kinderzentrum Roncalli in Burgas, das über die identischen Vereinsmitglieder in besonderer Nähe zum Sozialwerk St. Andreas steht.
So also der Plan. Die Leiterinnen in Varna, Kitschevo und Burgas werden sich alle Mühe geben, dass die erste Ausgabe des neu konzipierten Rundbriefs, der im Bulgarischen „Bulletin“ heißen wird, im Frühjahr 2012 erscheinen kann. Wenn das Vorhaben wie vorgesehen gelingt, werden Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in Zukunft also das Neueste über die soziale Arbeit in Bulgarien aus erster Hand und in etwas verändertem Design erfahren.
Mir bleibt zu danken. Sibylle Steinkohl-Gloning hat über die Jahre sozusagen als Lektorin des Rundbriefs fungiert und als sprachgewandte Journalistin meine im Entwurf gelegentlich gezwirbelten Sätze in ein lesbares Deutsch übersetzt. Monika Heitmann hat für manchen Rundbrief bulgarische Aktualitäten mitgebracht und interessanten Stoff aus ihrer Arbeit geliefert.
Vor allem danke ich Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, für Ihr Interesse am Rundbrief des Freundeskreises.
Ihre Lesefreude wünsche ich auch dem künftigen Rundbrief /Bulletin aus Bulgarien.
Jakob Bichler
Wir wünschen Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, eine gesegnete Advents- und Weihnachtszeit.
Jakob Bichler, Christiane Bopp, Martin Engelbrecht, Josef Fleig,
Dr. Annemarie Hofmeister-Höfner, Ulrich Kuhn, Norbert Rapp,
Sibylle Steinkohl-Gloning, Martin Uetz
Bitte unterstützen Sie das Sozialwerk St. Andreas auch in Zukunft:
Freundeskreis des Bulgarisch-Deutschen Sozialwerks e.V.
Kto. 320 148 009 bei der Volksbank Allgäu West eG (BLZ 650 920 10)
Wenn Sie diesen Rundbrief künftig per E-Mail erhalten möchten, senden Sie uns bitte eine Nachricht mit dem Betreff "Rundbrief Freundeskreis" über unser Kontaktformular.
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